Alnus e.V.

Kommt zur Wahl, ihr Mauswiesel!

In Zeiten, in denen ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer Mitmenschen offensichtlich der Demokratie überdrüssig ist und aus Trotz diejenigen wählt, die von ihr nur so lange etwas halten, wie sie ihnen zur Macht verhelfen kann, frage ich mich schon mal, warum das so ist.

Liegt es daran, dass die moderne repräsentative Demokratie systematisch einer Kaste von geltungsbedürftigen Berufspolitikern an die Macht verhilft, die vom Leben normaler Menschen so weit entfernt sind, dass sie, selbst wenn sie es wollen, die Interessen derer, die sie gewählt haben, nur schlecht vertreten können? Und wenn ja, wäre das in einem autokratischen System besser?

Oder liegt es an einer Infantilisierung unserer Gesellschaften durch beständige Unterhaltung und die Kurzatmigkeit der sozialen Medien als kommunikativer Norm? Die Moderne mit ihrer Hyperkomplexität aller Lebenszusammenhänge ist ja durchaus eine Zumutung, und wer sich dem nicht gewachsen fühlt, kann durchaus auf den Gedanken kommen, alles kaputtzuschlagen sei der bessere Ausweg als zu versuchen, es zu verstehen.

Ein Bekannter, intellektuell geprägt, schrieb mir neulich, die Aufklärung (von der Heine meinte, dass sie die Verfassung der westlichen Gesellschaften von den Füßen auf den Kopf gestellt habe, nämlich vom Gefühl der Verwurzelung im eigenen Schicksal auf ein instinktwidriges System von Rücksichten und hehren Prinzipien) sei grandios gescheitert. Da mag er Recht haben, aber der triumphierende Ton ist Teil des Problems. Ja, die Moderne ist anstrengend. Aber möchte jemand ernsthaft in einer Welt nach Putinschem Muster leben, in der Recht hat, wer am grausamsten und rücksichtslosesten ist? Die das insgeheim wünschen, geben sich wahrscheinlich der Illusion hin, dass sie dann auf der Gewinnerseite wären; das ist aber durchaus nicht gesichert, für niemanden. Wer das bezweifelt, schlage im Internet unter „Ernst Röhm“ nach.

Nein, es sollte schon demokratisch zugehen, und damit ist eben verbunden, dass man sich engagiert und Politik nicht als artfremde Sache „derer da oben“ diskreditiert. Thomas Mann hat das 1916 in seinem Essay „Betrachtungen eines Unpolitischen“ getan, einer germanisch-kriegsbeflügelten Aufwallung gegen die „kosmopolitischen Intellektuellen“ im Umfeld seines hellsichtigeren Bruders, und es später im Exil, im Angesicht der Nazidiktatur, bereut. Wer Grips und Verantwortungsbewusstsein hat, sollte sie nicht dazu verwenden, geistiges und moralisches Engagement schlechtzureden.

Mauswiesel (Mustela nivalis)
Mustela nivalis

Nur: wie bekommt man Menschen dazu, Verantwortung zu übernehmen und das Ganze so zu organisieren, dass alle Beteiligten das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht und die Besten das Sagen haben? Denn sich zu überzeugen, dass das durch Wahlen allein nicht gesichert ist, ist ja nicht schwer.

Es gibt alternative Ansätze, etwa, Verantwortliche nach dem Zufallsprinzip auszuwählen. Obwohl das, wo es versucht wird, oft erstaunlich gut funktioniert (die gerade im Bundestag diskutierten Empfehlungen des Ernährungsrats fallen mir ein), haben wir es im Alnus bis jetzt nicht getan, weil uns der Elan und die Mittel fehlen, die Auserwählten zur Ausübung ihres Amts zu zwingen, das in unserem Fall weder Diäten, Status noch ausufernde Privilegien mit sich bringt.

Unser vereinsinternes Modell lässt sich am ehesten als Meritokratie beschreiben. Kurz gefasst: Wer viel und Qualifiziertes beiträgt, hat viel zu sagen. Das ist nirgendwo festgeschrieben, es steht nicht in unserer Satzung und in keinem Leitbild, sondern speist sich aus einer gemeinsamen moralischen Überzeugung: nämlich, dass ich, um meiner Stimme Gewicht zu verleihen, meine Arbeit und meine besten Fähigkeiten einbringen muss. Abstimmen reicht nicht, und vielleicht ist die Fixierung auf Abstimmungen auch eher ein Irrweg moderner Demokratien.

Dass wir alle diese Überzeugung teilen, halte ich für einen Glücksfall, aber keinen Zufall. Es ergibt sich eigentlich automatisch, wenn man das, was wir in unserem familiären und freundschaftlichen Umfeld lernen, als Modell nimmt. Ich behaupte nicht, dass dieses Modell für einen Staat brauchbar wäre, denn es setzt voraus, dass die Beteiligten sich persönlich kennen und als Menschen füreinander wichtig sind.

Für die Zivilgesellschaft, in überschaubaren, regionalen Zusammenhängen, ist es aber brauchbar und machbar, und wir sind ein Teil davon. Dass die politische Verfasstheit unseres Landes diese Art von Zivilgesellschaft möglich macht und gelegentlich berücksichtigt, anstatt ihre Vertreter ins Gefängnis zu stecken, ist, bei allen Fehlern, eine große Stärke.

Das war eine recht lange Vorrede zu meinem eigentlichen Thema, aber ich bin der Überzeugung, dass es beim Sortieren der kleinen Dinge hilft, wenn man sich über die großen auch mal Gedanken gemacht hat und andererseits nicht genug im Medienbetrieb verwurzelt, als dass jemand anders als dieser Verein meine Überlegungen abdrucken würde.

Das Thema also. Der ALNUS hat einen Vorstand, satzungsgemäß aus drei bis fünf Mitgliedern, der den Verein rechtlich nach außen vertritt, sprich: unterschreibt, wenn es etwas zu unterschreiben gibt. Es hat sich so eingespielt, dass die Vorstandsmitglieder keine besonderen Befugnisse haben, aber das liegt daran, dass unsere Mitgliederversammlungen so häufig stattfinden, dass es kaum Bedarf an Eilentscheidungen gibt. Wer im Vorstand ist, fühlt sich bisweilen ein wenig mehr verantwortlich, dass alles seinen rechten Gang geht, und manchmal, aber wirklich nur selten, gibt es eine spezielle Vorstandssitzung zu speziellen Fragen, in der aber auch nichts hinter verschlossenen Türen beschlossen, sondern eher Vorarbeit für die Entscheidung der Mitgliederversammlung geleistet wird.

Am 25. April ist unsere nächste Wahl. Der aktuelle Vorstand besteht aus fünf mehr oder weniger langjährigen Mitgliedern und zeigt keine Anzeichen von Korruption oder Altersschwäche. Wenn ein entsprechender Antrag gestellt wird und die fünf Kandidaten einverstanden sind, können wir sie für ein weiteres Jahr im Amt bestätigen. Müssen wir aber nicht, es darf auch rotiert werden.

Also: Wenn du ein wenig mit unserem Verein vertraut bist und dich hier und dort schon eingebracht hast, darfst du kandidieren. Eine E-Mail reicht. Und wenn das nicht dein Traumjob ist, dann komm zur Vorstandswahl, und wenn es nur ist, um unsere spezielle Art von Demokratie zu feiern, denn es wird, wie immer, sicher auch wieder lustig werden. Aber der Ernst bei der Sache ist: Wir brauchen genau das. Wir sind die Zivilgesellschaft, und wie wir uns selbst organisieren und miteinander umgehen, ist ein Puzzleteil in unserer Suche nach der Demokratie der Zukunft.